Gedanken zum Jahresanfang

11.01.2015 17:55

An einem Sommertag am Strand trifft man manchmal auf Menschen die  gedankenverloren auf die offene See hinausblicken. Vielleicht beobachten sie die Berge und Täler der Wellen, die Gischt der vom Wind weggefegten Wellenkämme und lauschen dabei dem tosenden Heranrollen und leisen Rückzug des Meeres. Vielleicht tauchen Gedanken auf, wie „So ist es auch in meinem Leben, ein ständiges Auf und Ab, mal besser, mal schlechter.“ Vielleicht ist unter diesen Mensch einer von hundert, der sich trotz eines gesellschaftlich tabuisierten Defizits jedes Mal von neuem den Anforderungen des Alltags stellt.

Stottern ist seit jeher ein Problem, ein Phänomen das sich überall und zu jeder Zeit beobachten lässt. Sei es unter Demosthenes im alten Griechenland, oder unter Englands König Georg VI. zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Bereits im 19. Jahrhundert gab es erste Ansätze zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser vielschichtigen Redeflussstörung. Heute gilt Stottern als hinreichend genau erforscht, wobei im Falle der Ätiologie, also der Ursache des Stotterns, die Lehrmeinungen auseinandergehen. Ob nun eine genetisch bedingte Veranlagung, eine neuropsychologische Ursache oder die Breakdown-Theorie (Zusammenbruch der Sprechverarbeitung infolge mangelnder Ressourcen) für das Symptom verantwortlich gemacht werden kann, wurde noch nicht vollständig geklärt.

Für einen stotternden Mensch ist das aber auch nicht weiter relevant. Wichtig ist, was Betroffene tun können um ihre derzeitige Lebenssituation zu verbessern. Dazu zählt nicht nur, dass man eines der zahlreichen Therapieangebote in Anspruch nimmt, sondern auch aktiv, außerhalb des geschützten Rahmens eines Therapiezimmers, am eigenen Sprechen sowie seiner Einstellung zum Stottern arbeitet. Dies bedeutet sich mit dem Stottern auseinanderzusetzen, sich durch das Reden über sein Problem von der Stigmatisierung und Tabuisierung zu befreien, selbstbewusst zu stottern, in der Freizeit zu üben und neu erworbene Techniken im Alltag zu integrieren. Dabei liegt der Fokus auf selbstbewusstem Stottern, denn absolute Symptomfreiheit ist bei einem erwachsenen Stotterer, trotz erfolgreicher Therapierung, nur in seltenen Fällen zu beobachten. Was jedoch erreicht werden kann, ist eine merkliche Verflüssigung der Sprechweise und vor allem eine positive Einstellung zu sich selbst. Damit hat die stotternde Person bereits das gewonnen was für die meisten Menschen unserer Gesellschaft selbstverständlich ist; Lebensqualität und Freude an der Kommunikation.

Als Betroffener habe ich im Juli 2014 die Selbsthilfegruppe „Stotter-Management-Graz“ (http://stotter-management-graz.webnode.at/) gegründet, mit dem Ziel, stotternde Menschen zum proaktiven Arbeiten am eigenen Sprechen und ihrer persönlichen Einstellung zum Stottern zu motivieren. Jeden zweiten Donnerstag findet nun im Sozialen Begegnungszentrum (SBZ, Leechgasse 30) von 18:00-20:00Uhr ein Gruppentreffen statt, in dem die verschiedensten Themen rund ums Stottern behandelt werden. Ein Grund der für den Besuch einer Selbsthilfegruppe spricht, ist die offene Auseinandersetzung mit dem Thema Stottern und der damit verbunden Desensibilisierung. Nur wer offen darüber sprechen kann, muss die sprachlichen Unflüssigkeiten nicht mehr verstecken und gewinnt so an Selbstvertrauen. Die Treffen können für die TeilnehmerInnen auch zum Üben genutzt werden, wie zum Beispiel für die Vorbereitung von Präsentationen, Rollenspiele zum Fitmachen vor mündlichen Prüfungen, zur Anwendung erlernter Sprechtechniken und vielem mehr. Die Gruppenmitglieder können im Anschluss wertvolles Feedback geben und ermöglichen der stotternden Person, sich möglichst realistisch auf bevorstehende Situationen vorzubereiten. Dies ist wichtig, denn alleine vor dem Spiegel zu stehen und zu reden, kann auch ein Stotterer meist ohne nennenswerte Symptomatik.

Die Leistungen der Gruppe werden derzeit von vier Personen regelmäßig in Anspruch genommen, wobei ich zuversichtlich bin, dass uns das neue Jahr auch merklich mehr TeilnehmerInnen bringen wird. Durch die aktuell ins Leben gerufene Initiative „Beratungsstelle Stottern“, welche in Zusammenarbeit mit Frau Christa Sinn-Zeba (selbstständige akademische Sprachtherapeutin) entstanden ist, werden mehr Betroffene auf die Selbsthilfegruppe aufmerksam gemacht.

So wie der Blick aufs offene Meer an ein Auf und Ab im Leben denken lässt, so wird auch 2015 wieder für jeden ein Jahr der Höhen und Tiefen werden; sei es im Beruf, im privaten Umfeld oder auch im sprachlichen Sinne. Es gilt dabei nicht den Fokus auf die Tage der „Sprachlosigkeit“ zu legen, sondern sich die Zuversicht zu erhalten, dass schrittweise Verbesserung möglich ist. Nichts zu tun ist keine Lösung, denn Höhen zu erfahren heißt nicht nur einfach Glück zu haben, sondern an sich zu arbeiten und Mut zu beweisen in dem man zu sich steht, um damit aktiv etwas an seinem Leben zu ändern.

„Mut besteht nicht darin, dass man die Gefahr blind übersieht, sondern dass man sie sehend überwindet.“ Jean Paul.

Mit diesen Worten blicke ich in Richtung eines sicherlich erfolgreichen neuen Jahres und hoffe auf eine weiterhin tolle Zusammenarbeit!

Martin Pojer

—————

Zurück